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Komponist
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Sinfonie Nr.1 C-Dur op. 39
 

  - den von den Nazis ermordeten Musikern aller Länder gewidmet –
mit einem Prolog von Wolfdietrich Schnurre.

Orchester: 2; Fl. Picc.;2; 2; 2;/2; 2; 2/Basstuba/ 3 Pkn./ Gr.Tr../ Viol. 1/2; Violen, Violoncelli, Kontrabässe.
Swing Combo (aus dem Orchester ad lib.): Klavier, Klarinette in B, Sax. Es Alt, Kontrabass, Pos., Schlagzeug;
Zigeunerkapelle (aus dem Orchester ad lib.): Viol.1/2; Viola; Violoncello; Kontrabass; Zimbal ad lib.
Sprecher/in.

Die Grundtonart C-Dur steht in der Musik allgemein für strahlend, hell, siegreich. In dieser Sinfonie klingt C-Dur dunkel, gedämpft und verhalten. Die Musik ist tonal und sehr polyphon. Jede Instrumentenstimme hat ihre eigene thematische und melodische Entwicklung. Man kann die Musik sowohl linear als viele parallel zueinander laufende Instrumente mit ihren individuellen Tonfarben und musikalischen Linien hören als auch rein vom Klang her. Dem Dirigenten und dem Orchester bieten sich für jede Aufführung Möglichkeiten, das Stück jedes Mal neu zu spielen und die Betonung auf andere melodische und instrumentale Schwergewichte zu legen. Wenn man ein Denkmal von verschiedenen Seiten aus ansieht, hat man aus jeder Position eine andere Perspektive. Das trifft im übertragenen Sinn auch auf die Musik dieser Sinfonie zu.

Alle Sätze des Werkes sind in einer freien Sonatensatzform geschrieben. Die Instrumentierung ist schlank. Die Holz- und Blechblasinstrumente mit Ausnahme der Hörner sind zweistimmig gesetzt. Nur im dritten Satz (walzer irrazionale) spielen zusätzlich noch eine Swing-Combo (Solo) in freier Besetzung (mindestens jedoch Saxophon Es Alt oder Klarinette in B, Gitarre, Baß, Drums, Piano ad libitum), die über zwei Swing-Titel improvisiert, und eine „Zigeunerkapelle“. Die Musik für sie stammt vom Komponisten, was der Primas zuerst nicht glauben wollte, so echt kam sie ihm vor.

a: 1. Satz: allegro assai
Vor Beginn der Musik trägt ein Sprecher oder eine Sprecherin das Gedicht „Befragung des Kalk" von Wolfdietrich Schnurre vor. Das Gedicht schließt aus, daß das Stück mißverstanden werden kann und steht für das Denken, aus dem heraus die Sinfonie geschrieben wurde. In dessen Schlußzeile „Ich verstehe dich nicht, Kalk" hinein beginnt die Musik. Violinen, Bratschen und Violoncelli beginnen im pp mit einem tremolo con legno sul ponticello (mit dem Holz des Bogens scharf am Steg). Aus dem unwirklichen Klang entwickelt sich das Hauptthema des 1. Satzes, das in der weiteren kompositorischen Verarbeitung der Durchführung immer wieder harmonisch verändert wird, bis es im Ende noch einmal in der ursprünglichen Form erklingt und im pianissimo als offene Frage verebbt.

b: 2. Satz: adagio
Ein adagio voller Leben, Liebe und Wärme, das mit einem klagenden Solo der Oboe beginnt. Nach mehreren massiven Klangsteigerungen und überraschenden Wendungen findet die Musik wieder zum Anfang zurück und endet ohne einen direkten Abschluß.

c: 3. Satz: walzer irrazionale

In diesem Satz werden verschiedene musikalische Stilformen verwandt (E-Musik, „ Zigeunermusik“, Jazz), in denen die ermordeten Musiker gearbeitet haben. Dieser Satz steht an Stelle des klassischen Scherzo-Satzes. Während das Orchester die verschiedensten Musikformen abarbeitet (Walzer, "Zigeunermusik", Swing),spielen einige Violoncelli und Kontrabässe ostinato unabhängig vom Takt des Orchesters einen mal stark bedrohlich an-, mal stark abschwellenden strammen Marschrhythmus, der an die marschierenden Kolonnen auf den Straßen lenken läßt. Verhalten (der Marschrhythmus im pianissimo) endet dieser Satz - wieder offen and ohne einen direkten Abschluß. Eine Solo-Violine beschließt keck diesen Satz

d: 4. Satz: andante semplice

Aus einer kurzen langsamen Einleitung entwickelt sich das stürmische vorwärts drängende Hauptthema dieses Satzes in der Schwestertonart c-moll. Es erklingt noch einmal kurz auf und leitet mit drei wuchtigen Orchesterschlägen in den Schlussteil über. Ein Musiker nach dem anderen hört auf, zu spielen. Er bleibt aber (anders als in Joseph Haydns Abschiedssinfonie) auf seinem Platz sitzen. Stellvertretend für diejenigen, die es ja einmal gab und ihren eigenen Ton. Im Schlußteil spielt nur noch eine Solo-Viola, begleitet von Pauken und Großer Trommel, instrumental die Melodie des Totengebets „El male rachamim" (Gott voll des Erbamens), mit dem das Stück im zartesten pianopianissimo endet.

UA 2006, Referenz-CD vorhanden, Notenmaterial beim Komponisten.